Nähmaschinenfüßchen über Jeansnaht

Repairing is caring: Mein Kampf gegen den Stapel Flickwäsche

Kaputte Kleidungsstücke zu reparieren ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Meine Mutter und meine Großmütter hatten immer einen Stapel „Flickwäsche“. Es ist für mich unverständlich, wie man Kleidung wegen kleiner Beschädigungen einfach aussortieren kann. Trotzdem und trotz meines Bewusstseins über textile Nachhaltigkeit empfinde ich das Flicken an sich aber leider immer noch als äußerst lästig. Ich liebe Tutorials auf Instagram perfekte Reparaturen oder Visible Mending, aber das Umsetzen in die Tat schiebe ich immer gerne auf die lange Bank.

Stapel Flickwäsche neben Nähmaschine

Nun war der Stapel allerdings so hoch, dass ich ihn nicht mehr ignorieren konnte. Nach vielen Youtube-Videos über die rebellische und widerständige Seite des Reparierens (als Kontrapunkt zur kapitalistischen und zerstörerischen Massenproduktion von Textilien) konnte ich mich an einem verregneten Wochenende endlich zum Flickmarathon aufraffen. Falls Ihr ähnlich unmotiviert seid wie ich, hilft Euch vielleicht mein Bericht.

Der Tellerrock

Den handgenähten Tellerrock mit dem Folklore-Muster habe ich vor Jahren von meiner Schwester geschenkt bekommen. Sie hatte ihn für sich genäht, allerdings war er ihr dann zu weit. Ich liebe das Muster und die Farben! Leider war der Rock in zweierlei Hinsicht überarbeitungswürdig: Zum einen ließen sich die Fransen am Saum irgendwann nicht mehr ignorieren. Sie hatte den Saum nur einfach umgeschlagen und mit dem Wabenstich ihrer Bernina-Nähmaschine (um den habe ich sie früher oft beneidet!) festgesteppt. Hier wollte ich den Saum nochmals umschlagen und feststeppen. Zum waren die unteren Seiten der mit Vlieseline verstärkten Passen ebenso mit Wabenstich festgenäht, allerdings lösten sich auch hier die unversäuberten Enden auf. Daher wollte ich die Passen, den Reißverschluss und den festen Bund durch einen breiteren Jerseybund zu ersetzen (seit meiner ersten Schwangerschaft liebe ich das Gefühl eines „eingepackten“ Bauches!) In die richtige Reihenfolge gebracht hieß das: Bund abtrennen und Seitennähte öffnen. Bügeln, bügeln, bügeln! Seitennähte versäubern (Overlock), schließen, auseinanderbügeln. Jerseybund mit der Overlock anbringen und Saum schließen. Ich will jetzt hier gar nicht die Nähkünste meiner Schwester kritisieren, ich glaube, sie näht mittlerweile sogar besser als ich. Sie hat halt vor über 10 Jahren mit den ihr zu Verfügung stehenden Mittel und mit dem damaligen Wissen ihr Bestes gegeben und jetzt war ein Upgrade fällig. Der Rock war der größte „Einzelposten“ an meinem Flicknachmittag, aber ich bin zufrieden mit dem Ergebnis und habe ihn abends gleich ins Theater ausgeführt!

Frau in beigem Pullover und schwarz-weiß-rot gemustertem Rock

Das Fan-T-Shirt

Mein Sohn hat eine Odyssee von verschiedenen Lieblingsfußball-Vereinen hinter sich. Vor einigen Jahren beschloss er, Fan von 1860 München zu werden, weil (Zitat, das habe ich mir jetzt nicht ausgedacht!) die Tickets und die Fanartikel dort billiger seien. Ja genau, das sieht man an diesem T-Shirt – der Ärmelsaum hat sich nach einmaligem Tragen aufgelöst. Aus einem einzigen Grund habe ich, deren Fußballherz wenn überhaupt für den FC Bayern schlägt, ihm angeboten, das T-Shirt zu reparieren: weil ich ihm zeigen möchte, dass Münchner Vereine immer noch zusammenhalten müssen! Technisch kein Problem: ich habe den Saum umgebügelt (leicht kürzer, damit ich nicht in die Löcher der alten Naht nähe) und mit der Coverlock neu versäumt. So sind die Löcher halt noch sichtbar, aber vielleicht merkt er sich dann, dass billig kaufen nach hinten losgehen kann.

Die Jeans

Natürlich war auch ein Paar Jeans dabei, mit Ausdünnungen und Löchern an den für Fahrradfahrer üblichen Stellen. Auf einer Seite war sie auch schon geflickt. Ich habe hier auf meine bewährte Methode gesetzt: Stoffstück unterlegen und mit farblich passendem Faden mehrmals vor und zurück nähen. Man sollte dabei unbedingt eine Jeansnadel verwenden, v.a. wenn es auch über Nähte geht und darauf achten, auch genug intakten Stoff mitzufassen – ansonsten kann es passieren, dass die Hosen bald an der Flicknaht ausreißen! Für den Unterfaden verwende ich gerne weiß oder einen helles blau, für den Fall, dass etwas durchscheint. „Richtige“ Jeans sind ja auch nie einfarbig. Neu war dieses Mal, dass ich einen extra dafür geeigneten Flickstoff verwendet habe, den man sogar aufbügeln kann. So entfiel die lästige Feststeckerei im Vorfeld. Im Stoffgeschäft meines Vertrauens hat man mit ein Stück, etwa so groß wie eine Männerhand, für 1 Euro verkauft. Fragt gerne mal in Euren Lieblingsstoffläden nach!

Das T-Shirt mit dem Bügelflicken

Das blaue T-Shirt hatte im Schulterbereich mal Kontakt mit einer Haarschere, worüber ich mich damals sehr geärgert habe. Ein Kollege von mir hat einen Pullover einer teuren norwegischen Marke, deren Logo grundsätzlich auf der Rückseite angebracht sind (und deren Namen ich immer wieder vergesse). Das führt immer wieder zu Gesprächen im Kaffeezimmer. Seiner Theorie nach sind die Kunden dieser Marke beim Sport allen voraus, weshalb es Sinn ergibt, das Logo hinten zu tragen. ich bin eher ein Fan von der Theorie, dass man mit einem vermeintlich verkehrt herum angezogenen Pullover gut mit Leuten ins Gespräch kommt und dass es daher eher eine Marke für Schüchterne ist. Wahrscheinlich würde das Marketing der Firma eher seine Version unterstützen, aber ich mag meine auch sehr. Daher entschied ich mich, dieses Loch im T-Shirt mit einem aufgebügelten VW-Käfer-Flicken zu reparieren und hoffe auf Gespräche über die Vermeidung von Klamottenmüll und das Lieblingsauto. Ich mag diese „faule“ Methode sehr und peppe vor allem Kinderklamotten damit auf.

Eine Freundin meiner Tochter lebte nach der Trennung ihrer Eltern überwiegend bei ihrem Vater. Einmal wandte sie sich hilfesuchend an mich. In ihren Augen konnte ich lesen, dass sie ein wirklich wichtiges Anliegen hatte. Sie fragte mich, wie sie ihre am Knie aufgerissenen Leggings flicken könne. Ich fühlte mich schon geehrt, dass sie mich da als Ratgeberin sah, aber gleichzeitig taten mir das Mädchen und der Vater, der ein wenig bedröppelt daneben stand (ich habe tatsächlich viel Respekt vor diesem Mann, der leistet sehr viel! Aber er bekannte offen, dass er sich als alleinerziehender Dreifachpapa nicht noch ums Klamottenflicken kümmern könne.) Hier ging meine Empfehlung auch ganz klar in Richtung Bügelflicken. An diese Szene erinnere ich mich immer noch mit Wehmut zurück. Hätte ich ihre seelischen Wunden doch auch nur mit einem Bügelflicken heilen können!

Frau in blauem T-Shirt mit rotem VW-Käfer-Flicken fotografiert sich über die Schulter

Der schwarz-blaue Stapel

Alle übrigen Löcher in Strick- und Trikotstoffen wurden mehr schlecht als recht zusammengeflickt. Ich bin darin nicht wirklich gut. Und ich glaube, dass diese dünnen Woll-Leggings nicht als Solo-Beinbekleidung gedacht sind, sondern unter Röcken oder Kleidern getragen werden wollen! Ich erspare Euch Details, dieser Teil war ziemlich nervig und Schwarz und Dunkelblau machen sich einfach nicht so gut auf Fotos wie ich hier gerade feststellen darf.

Die roten Socken

Als ich das Paar rote Socken zum ersten Mal trug, probierte gleich ein Schäferhundwelpe seine Zähne daran aus. Zuerst dachte ich, ich müsse die Socken wegschmeißen da Reparieren sich nicht lohnen würde. Dann wollte ich dem Ganzen eine Chance geben. Ich habe das Loch nur mit rotem Faden zusammengehängt (Stopfen ist wie gesagt nicht meine Stärke) finde das Ergebnis ganz passabel.

Fuß in roter Baumwollsocke

Die Handpuppe

Die Großmutter aus dem Kasperltheater (eine Lotte Sievers-Hahn-Puppe aus den 60er Jahren) brauchte einfach eine neue Kräuselung an ihrem Kleid. Das Kleid ist übrigens noch der Originalstoff!

Kopf von Kasperlpuppe auf gemustertem Stoff

Das Highlight

Eine Sache war besonders schön: mein Mann brachte mir ein Shirt, das er beim Aufräumen gefunden hat und sagte mir, wie sehr er sich damals gefreut hat, dass ich aus seinem alten Lieblings-T-Shirt aus Biker-Tagen ein Shirt für seinen Sohn genäht habe. Das Shirt passt mittlerweile unserer Tochter. Sie ist liebt es und ich bin schwer begeistert, wie ich damals ohne Overlock Säume und Zwillingsnähte angefertigt habe! Ich habe damals ein Schnittmuster für Raglan-Shirts verwendet und zwei Männer-T-Shirts verwendet: eines für Vorder- und Rückteil und eines für die Ärmel.

Fazit: das Reparieren ist gar nicht so schwierig, man muss sich nur trauen. Und anfangen! Es spart Geld und Müll (frisst dafür einiges an Zeit, aber die würde das Neukaufen ja auch brauchen) und wer weiß – vielleicht entsteht ja ein neues Lieblingsstück! Ich hoffe, ich konnte den einen oder die andere motivieren, auch mal den Stapel Flickwäsche anzugehen. Und dann wünsche ich Euch, dass ganz lang keine neue Flickwäsche anfällt!

Nach oben scrollen
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.

Unbedingt notwendige Cookies

Unbedingt notwendige Cookies sollten jederzeit aktiviert sein, damit wir deine Einstellungen für die Cookie-Einstellungen speichern können.