Stricken scheint wieder in zu sein. Sogar die Süddeutsche Zeitung hat über den Sophie Scarf und den neuen Strickhype auf TikTok berichtet. (Disclaimer: als ich beschlossen habe, den Stricksalon ins Leben zu rufen, wusste ich davon noch nichts! Ich habe mich beim Lesen des Artikels in der Süddeutschen lediglich gefragt, ob ich jetzt schon zu den älteren Frauen gehöre, von denen die jungen Mädels heute das Stricken lernen können.) So kann ich mich also (wieder mal) freuen, dem Zeitgeist voraus gewesen zu sein. Wobei ich das auch beim letzten Stricktrend vor etwa 20 Jahren auch schon gedacht habe…)






Ehe man mir jetzt Ironie unterstellt: ich freue mich ganz wirklich über jede neue strickende Person und ich bin jeden Tag begeistert von der Kreativität, die mir im „Strickstagram“ entgegenschlägt. Auch ich als „alter Hase“ lerne da ständig etwas neues. Ich habe auch ganz viele tolle Accounts gefunden, die sich politisch positionieren, sich sorgenvoll äußern über autoritäre und faschistische Trends und/oder Nachhaltigkeit zum Programm ausgerufen haben. Mir gefällt auch der Umgangston in der Community – insgesamt nehme ich die StrickerInnen online als sehr freundlich, zuvorkommend, unterstützend wahr. Ich glaube, die tolle Gemeinschaft auf „Strickstagram“ ist mir bald einen eigenen Blogartikel wert (inklusive der Frage, warum da so häufig eine Kaffeetasse auf den Bildern zu sehen sein muss.)
Heute will ich eigentlich die textile Wertschöpfungskette „rückwärts“ betrachten. Seit einem knappen Jahr bin ich „stille Mitleserin“ (neuerdings auch Vereinsmitglied) bei Fibershed DACH. Die Grundidee von Fibershed („Fasereinzugsgebiet“) ist, den gesamten textilen Kreislauf „von Erde zu Erde“ zu denken und Kleidung analog zu Nahrungsmitteln so natürlich und regional wie möglich zu produzieren. (Auch das schreit förmlich nach einem eigenen Beitrag.)
Dieses Jahr mit Fibershed hat meine Einstellung zu Kleidung allgemein und auch zu selbstangefertigter Kleidung stark verändert. Ich hatte zwar schon länger eine selbstauferlegte Regel, die mich vor dem ein oder anderen Spontan- oder Lustkauf bewahrt hat (wenn Du es ohne größeren Aufwand selbst herstellen könntest und nicht sofort brauchst, kaufe es nicht – egal ob Du es letztlich selber herstellst oder nicht), doch im letzten Jahr bin ich diesbezüglich noch radikaler geworden. Ich achte nun noch stärker auf die Zusammensetzung und die Qualität meiner Textilien. Im Klartext heißt das: nur was irreparabel kaputt ist, wird bei Bedarf (!) ersetzt. Ich kaufe grundsätzlich keine Kleidung mehr aus nicht-natürlichen Materialien (Spoiler: das schränkt die Auswahl ohnehin massiv ein!) Und Überraschung: Ich fahre tatsächlich sehr gut damit! Das Inkrafttreten des de-Facto-Konsumverbots brachte für mich tatsächlich eine neue Art von Freiheit mit sich. Ich kann heute Kleidung neidlos „schön“ finden, habe aber nicht mehr den Bedarf, diese auch besitzen zu müssen.
Persönlich habe ich ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Label „Nachhaltigkeit“ – seit jedes beliebige Unternehmen sich damit schmückt, ist das für mich nur noch ein Modebegriff. Dennoch hätte ich mich immer als grundsätzlich umweltbewussten Menschen bezeichnet – ich versuche, im Alltag Plastik zu vermeiden, bin seit acht Jahren nicht mehr geflogen, esse kein Fleisch, achte bei Lebensmitteln auf Regionalität, Saison und Bio-Anbau soweit es geht. Die typische Mittelschichts-Akademikerin meiner Generation halt. Auf Klimademos war ich allerdings nie, nur fürs Protokoll!
Dank Fibershed beschäftigte ich mich intensiv mit der kompletten textilen Wertschöpfungskette. Früher hatte ich mir tatsächlich eingeredet, es genüge, wenn durch einen Anteil an selbstgemachter oder auch vintage erworbener Kleidung nicht mehr so viele Textilien in Sweatshops produziert würden. Tja, Milchmädchenrechnung – selbst wenn wir anerkennen, dass mein Selbernähen und Selberstricken eh nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist und dass deswegen wahrscheinlich kein einziges Fast-Fashion-Teil weniger produziert wird.
Leider ist es noch ein bisschen komplizierter. „Fair“ produziert sind Textilien nämlich nur, wenn wir das für den ganzen Produktionsprozess behaupten können. Erfüllen die Fasergewinnung, das Spinnen, das Färben das Stricken oder Weben und Nähen sowie das Design unsere Ansprüche an Tier- und Umweltschutz und Arbeitnehmerrechte? Wenn ich nur das Färben herausgreife, muss ich mir persönlich hier ein Versagen auf ganzer Linie attestieren – für mich ging es hier immer nur ums Gefallen oder Nichtgefallen, nie um Schadstoffe, die beim Färben ins Grundwasser oder in den Boden gelangen und die wir dann auf unserer Haut tragen. Auch um die Herstellung der von mir verwendeten Stoffe und Garne hatte ich mir ehrlich gesagt nie Gedanken gemacht.
Also ging ich gedanklich weiter rückwärts: vor dem Färben kommt das Spinnen (manchmal auch andersrum). Gut, ich habe vor Jahren ein Spinnrad geerbt und damit auch mal ein Knäuel Wolle gesponnen. Das Spinnrad ist immerhin kein „Dachbodenfund“ sondern vergleichsweise modern und mit ein bisschen Nachhilfe auf Youtube hatte ich auch wieder raus, wie es funktioniert. Wolle im Kammzug bestellen war auch nicht das Problem. Was allerdings sehr entmutigend war, waren die Foren, in denen sich SpinnerInnen (darf man das wirklich so sagen?) darüber austauschten, wie hoch ihre Preise sein müssten, wenn die auch nur den Mindestlohn für ihre Arbeit anlegen würden. Kenne ich vom Stricken und Nähen – selbst ohne Materialkosten sind meine Werke preislich einfach nicht konkurrenzfähig! An dem kleinen Knäuel Wolle habe ich mindestens eine Stunde gesponnen und ebenso lange verzwirnt, und dann hätte es maximal für ein Puppenstirnband gereicht! Also musste ich die selbe Zeit nochmal investieren um die Puppenmütze aus meiner viel zu fest verzwirnten Wolle fertig zu stricken (ein Vergnügen war das nicht!)



Bleiben wir einfach mal bei der Schafwolle, weil das mein Lieblings-Strickrohstoff ist. Wir haben über das Färben und das Spinnen gesprochen. Weiter im Rückwärtsgang kommen jetzt Kardieren, Waschen, Grobreinigung und Schur. Und der Schäfer will ja auch leben von seiner Arbeit. Da muss man kein Rechengenie sein um zu dem Ergebnis zu kommen, dass ein in Deutschland in allen Arbeitsschritten fair produzierter und bezahlter Wollpullover ein Vermögen kosten müsste.
Zum Spinnen finden sich schon noch ausreichend Anleitungen im Internet und es scheint eine eigene Community zu geben (wenn man alle Fitness-Accounts aussortiert hat!) Suchanfragen wie „dye wool naturally“ bringen tolle Bilder, aber mir fällt auf, dass hier nur noch die Ergebnisse im Vordergrund stehen. Anders als bei den StrickerInnen scheint es hier weniger um die Menschen zu gehen als sondern mehr um die verwendeten Techniken. Spricht Färben also mehr für sich? Sind Färber introvertierter? Ist Färben weniger interessant oder zu kompliziert oder aber zu „stupide“?
Wenn ich „Wolle kardieren“ eingebe, spucken mir die Suchmaschinen Handkarden und auch wahnsinnig teure elektrische Kardiermaschinen aus (die sind sicher ihr Geld wert, ich kann es nur nicht beurteilen.) Besonders eine neuseeländische Firma liegt bei Kardiergeräten und auch Spinnrädern vorn, sozusagen „Goldstandard“. Aber außer es geht um das Bewerben der Produkte, stellt sich wirklich niemand im Internet hin und sagt „hej schaut mal, wie toll ich das hier kardiert habe“. Zum Waschen und Reinigen von Schafwolle findet man noch ein paar Anleitungen, aber auch das scheinen keine prestigeträchtigen Tätigkeiten zu sein. Und was die Schur angeht – da habe ich sogar mal in Tipps für Wollgeschäfte gelesen, dass man gerne den ganzen Herstellungsprozess in Bildern zeigen solle, nur bitte nicht die Schur, die würde bei vielen Menschen negative Assoziationen wecken. Schlechter als die Scherer sind eigentlich nur noch die Schäfer dran – leider ist der Preis für Rohwolle in Deutschland mittlerweile so niedrig, dass viele Schäfer dieses wunderbare Naturprodukt lieber vernichten als sie zu diesem Spottpreis herzugeben. Viele Schäfereien waren deshalb nicht mehr konkurrenzfähig und haben in den letzten Jahren für immer geschlossen. Das ist in vielerlei Hinsicht schade, denn abgesehen von dem wunderbaren Endprodukt Wolle sind Schafherden tatsächlich auch geniale Landschaftspfleger – natürlich Mähen und Düngen in einem, wo gibt’s denn sowas?





Und so formte sich ein fieser Gedanke in meinem Kopf: gelten auch in der textilen Wertschöpfungskette die Arbeitsschritte als umso „edler“, je sauberer und näher sie an dem fertigen Produkt sind, während Arbeitsschritte nahe am Rohstoff (in unserem Fall Wolle) zwar notwenig sind, jedoch leider den gewissen Glamour entbehren? Sourcen wir die rohstoffnahen Tätigkeiten lieber an Maschinen aus? Wenn ja, ist das eine „naturgegebene“ Tatsache oder können und wollen wir das ändern?
Für bin mir noch nicht ganz sicher, aber ich werde die Herausforderung annehmen und versuchen, mehr über die Arbeitsschritte vor dem Stricken zu lernen!



