Die Welt braucht mehr Pussyhats!

(Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung durch Markennennung)

Wer erinnert sich noch an den großen Frauen-Protestmarsch in Washington im Januar 2017? Ein Mann, der sich im Wahlkampf damit gerühmt hatte, er könne Frauen einfach „an die Pussy greifen“, war gerade zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt worden. An diesem Tag hörte ich auch zum ersten Mal bewusst den Begriff „alternative Fakten“ (der Amtsinhaber zur Teilnehmerzahl) – für mich eine Zäsur im Umgang mit der Wahrheit in der Politik. Die Ausmaße, die das annehmen würde, waren mir damals nicht bewusst. Eine Pandemie, drei Kriegen, zwei Wirtschaftskrisen, ein paar Annexion und -sdrohungen, einem Skandal um einen Sexualstraftäter, einem Sturm aufs Kapitol, einem massiven Anstieg von Antisemitismus, dem scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg einer rechtsextremen Partei und, ach, einer Wiederwahl des besagten Herrn später (sicher habe ich etwas vergessen) kommt es mir manchmal so vor, als könne sich mittlerweile jeder seine Fakten nach Belieben zusammenbauen. Was war die Welt 2017 doch noch unschuldig im Vergleich zu heute!

Aber jeder Tag (die Suchmaschine sagte mir eben, es sei der 21. Januar gewesen) war auch der Tag, der die Pussyhats bekannt machte: viele TeilnehmerInnen (Binnen-I bewusst gesetzt!) trugen handgearbeitete – gestrickt, gehäkelt, genäht – rosa- und pinkfarbene Mützen mit kleinen Öhrchen. Diese waren von zwei kalifornischen Designerinnen als Zeichen des Protests gegen die oben zitierte Aussage entworfen worden. Die Mützen gab es nicht zu kaufen, sie wurden tausendfach in Handarbeit hergestellt und weitergegeben. Garnläden überall in den Vereinigten Staaten berichteten von Engpässen bei rosafarbener Wolle. (Schande über die Wollladenbesitzerin, die Kundinnen wegschickte, weil sie Garn für Pussyhats kaufen wollten!) Das Design war wirklich simpel:eine krempenlose Mütze, gerade nach oben gearbeitet, so dass zwei Ecken die „Öhrchen“ bildeten. Die einfachste Strickanleitung beschrieb ein längliches Rechteck, oben und unten mit Bündchenmuster, dazwischen glatt rechts. Das Rechteck wurde über die kurze Seite mittig zusammengefaltet, an den Seiten zusammengenäht und schon war die Pussyhat fertig. Das sollte auch für Anfänger zu schaffen sein.

Nach diesem Schema strickte ich im vergangenen Winter, als die erneute Vereidigung des mittlerweile verurteilten Sexualstraftäters anstand, meine erste Pussyhat – ich hatte einfach das Gefühl, ihre Zeit sei wieder gekommen. Dabei stellte ich (mal wieder) fest, dass ich viel lieber in Runden stricke als hinterher zusammenzunähen. Insofern war ich auch nicht besonders traurig, als Pussyhat Nr. 1 von meiner Tochter okkupiert wurde, ich strickte mir einfach eine neue, diesmal aber in Runden und – tadaaaa – aus handgesponnener Wolle!

Sie ist ganz klar ein politisches Statement (darum wird sie auch fleißig bei Protestdemos getragen) und außerdem liebe ich den Witz und den Charme, mit dem sie ansonsten einfache Outfits aufpeppen kann. Ich würde meinen Kleidungsstil insgesamt als eher konservativ bezeichnen – ich liebe einfach Kleider und einen „ordentlichen Auftritt“. Mit solchen Accessoires gelingt es mir (meiner Meinung nach) mich vom neo-konservativen Stil der neuen Rechten abzugrenzen. Von Männern wurde ich für die Mütze immer eher belächelt, doch von Frauen, auch von Frauen die zu jung sind, um ihre Bedeutung zu kennen, machen mir hin und wieder Komplimente dafür. Die erste, der ich noch eine gestrickt habe, ist meine großartige Stieftochter. Ich bin sehr stolz auf sie, wie sie ihren Weg geht und sich von nichts und niemandem ins Bockshorn jagen lässt (auch wenn dazu gehört, Aufschwätzern an der Uni Prügel anzudrohen)! Ich werde nie ihre Mama sein, das wollte ich auch nie. Aber nach einigen schwierigen Jahren habe ich das Gefühl, dass wir einen sehr guten Weg miteinander gefunden haben. Besonders freut mich, dass sie einen ähnlichen akademischen Weg wie ich eingeschlagen hat. Ja, und sie trägt neuerdings auch Pussyhat – aus rubinfarbener Bluefaced Leicester von Alte Künste.

Eine ähnlich energische aufstrebende junge Dame sprach mich kürzlich auf die coole Mütze an. Ganz besonders freute mich, als sie fragte, ob ich ihr irgendwann das Stricken beibringen könnte. Da noch lila Wollreste daheim waren, strickte ich kurzerhand eine für sie und hoffe, sie damit bei der Überraschungsparty zu ihrem bestandenen Abitur zu erfreuen. Leider wird sie dann nicht mehr in meinem Lieblingspub kellnern, aber immerhin wird sie gut behütet sein wenn sie auszieht, um die Welt zu erobern!

Hier die ganz allgemeine Anleitung:

Ihr braucht Garn in nahezu beliebiger Stärke aus der Farbpalette pink-rosa-lila und passende Rundstricknadeln. Ermittelt durch eine Maschenprobe die benötigte Anzahl an Maschen für Euren Kopfumfang. Schlagt diese Maschenzahl an und schließt den Anschlag zu einer Runde. Strickt im Bündchenmuster so hoch, wie Euer Bündchen werden soll (Ihr könnt es auch doppelt nehmen). Dann strickt glatt rechts weiter bis Ihr die benötigte Höhe erreicht habt. Verteilt die Maschen gleichmäßig auf zwei Nadeln, dreht die Arbeit auf links und strickt jeweils eine von der vorderen und von der hinteren zusammen ab. Jetzt habt Ihr die halbe Maschenzahl auf einer Nadel, die könnt Ihr ganz bequem abketten. Alternativ könnte man auch alle Maschen abketten und dann zusammennähen (aber dann muss man wieder nähen!)

Auf dass die Welt noch viel mehr Pussyhats bekommt! (Übrigens gibt es in den USA schon eine „Nachfolgerin“ – die „Melt the ICE“-Caps sind außerdem eine Erinnerung an den norwegischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Vielleicht brauche ich auch noch so eine.)

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