verzwirnter Strang blaues Garn und Handspindel

Die spinnt ja!

(unbezahlte Werbung da Markennennung)

Neben dem Stricken hat auch das Spinnen immer schon eine große Faszination auf mich ausgeübt. Nur leider gab es da nie jemanden, der mir das so wirklich zeigen konnte bzw. um ehrlich zu sein habe ich mich auch nicht wirklich darum gekümmert. Vor vielen Jahren hatte ich mal auf einem geerbten Spinnrad mit Hilfe von Youtube die Grundzüge verstanden und so etwas wie Garn produziert. Bei meinem Spinnrad scheint es sich um eine eher moderne Version eines spulengebremsten Rades zu handeln – klar, schlicht, schnörkellos. Einen Hersteller konnte ich nicht ermitteln, eventuell ist es sogar selbst gebaut. Da es ein Erbstück in Folge eines Todesfalles war, werde ich diesbezüglich wohl nicht mehr erfahren. Ich weiß noch, dass ich damals wahnsinnig stolz auf meine neuerlernte Fähigkeit war. Mit einer Freundin habe ich sogar (nur halb im Scherz) überlegt, einen Schrebergarten zu mieten und da ein Merinoschaf für die Wollproduktion zu halten. Zu der Zeit war Merinowäsche in der Sport- und Outdoor-Szene gerade der letzte Schrei, darum hatten wir uns schnell auf diese Rasse geeinigt. Ich kann heute nicht einmal mehr sagen, warum ich das Spinnen danach so sträflich vernachlässigt habe. Ich hatte mir noch Wolle bestellt (zu einer Zeit, in der online einkaufen sich für mich ganz fremd anfühlte), doch irgendwie fristete das Spinnrad dann leider ein trauriges Dasein als Deko-Objekt oder Staubfänger.

Die Beschäftigung mit der Herkunft von Textilien und Fasern brachte dann zwangsläufig wieder das Spinnen auf meine Agenda. Leider waren meine ersten Gehversuche hier sehr frustrierend. Das mühsam auf dem Spinnrad hergestellte „Garn“ war für meinen Geschmack viel zu dick (und dadurch gar nicht ergiebig). Beim Stricken stellte sich dann noch heraus, dass der Drall viel zu stark war. Naja, mit viel Mühe kam ein Mützchen für die Puppe meiner Tochter dabei heraus. Ich bin nicht sonderlich zufrieden mit dem Ergebnis und ich glaube auch, dass es nicht die Lieblings-Kopfbedeckung der Puppe ist.

Die Wolle für den zweiten Spinnversuch stammte aus dem Starterset Handspinnen der Firma Ashford. Die Box enthält Handkarden, eine Handspindel (Kopfspindel) und 150 Gramm feine Wolle von unterschiedlichen Schafrassen. Nach dem enttäuschenden Versuch mit dem Spinnrad verschwand die Kiste erstmal wieder im Schrank. Nach einer Weile wagte ich einen weiteren Versuch mit der Handspindel (abermals mit Hilfe von Youtube-Videos). Auch hier klafften Erwartung und Realität leider weit auseinander. Aber ich kann ja hartnäckig sein, wenn ich etwas wirklich will. Also sah ich mich nach Spinnkursen in der Nähe um und buchte einen zweistündigen Workshop bei Zimtwolle. Das sollte dann wirklich mein allerletzter Versuch sein, sollte es hier nicht klick machen, würde ich das Spinnen an den Nagel hängen!

Auch hier war der Anfang kein Zuckerschlecken. Ich konnte mir nicht vorstellen, einmal meine beiden Hände so aufeinander koordinieren zu können, dass die Spindel unten dreht und ich oben die Wolle auseinanderziehe, ohne dass der Wollvorrat sich im Garn verfängt. Aber Ehrgeiz, Gruppenzwang und eine geduldige Lehrmeisterin haben mich am Aufgeben gehindert. Zum Ende des Workshops konnte ich immerhin „mit Stoppen“ spinnen, d.h. ich parkte die Spindel zwischen meinen Knien, zog beidhändig die Wolle auseinander und drehte dann die Spindel. Aber so konnte ich eine Handvoll verzwirnten Garnes mit nach Hause nehmen. Dort nahm ich nochmal meine Handspindel in die Hand und wollte das Gelernte wiederholen. Und hier passierte etwas – ich kann es nicht anders beschreiben als „es hat klick gemacht“. Seither gehört das abendliche Spinnen zu meiner Tagesroutine. Ich bin immer noch weit davon entfernt, mit meinen Ergebnissen zufrieden zu sein, aber ich nehme eine Verbesserung wahr. Sowohl Drall als auch dicke Stellen werden weniger. An einem guten Abend verspinne ich etwa 25 Gramm Wolle aus meinem Vorrat und wickle sie auf eine leere Toilettenpapierrolle, damit die Spindel gleich wieder frei wird. Ich habe mir vorgenommen, erst alle Vorräte zu verspinnen und mich dann mit einem wunderschönen bunt gefärbten Kammzug wie es sie im Workshop gab zu belohnen. Aktuell ist es sogar so, dass ich liebe spinne als stricke – das Spinnen ist einfach gerade die größere Herausforderung für mich. Auch meine Tochter ist ein bisschen neugierig geworden und versucht sich an der zweiten Handspindel – unser Modus Operandi ist gerade, dass sie unten dreht und oben hält und ich ihr die Wolle ausziehe. Besonders die Möglichkeit, Wolle in unterschiedlichen Farben zu verspinnen, hat es ihr angetan.

Ob neues Hobby, neue Leidenschaft, neue Guilty Pleasure – zum jetzigen Zeitpunkt kann ich noch nicht sagen, wo mich das alles hinführen wird. Aber paar soziologische und historische Betrachtungen habe ich schon durchgeführt. Um den Weltfrauentag herum tauchten auf Instagram viele Beiträge auf, die die Herkunft des englischen Wortes „spinster“ (pejorativ für alte Jungfer, schrullige alleinstehende Frau) erklärten: Eine Frau, die spinnen konnte, konnte selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. Sie war finanziell unabhängig und daher nicht auf eine Ehe angewiesen. Erst später erhielt das Wort seine negative Konnotation, weil man die unabhängigen Frauen ins Lächerliche ziehen wollte.

Ein wenig Internet-Recherche brachte zum Vorschein, dass wir in der deutschen Sprache ein ähnliches Phänomen haben: das Wort spinnen kann sich entweder auf die handwerkliche Tätigkeit des Verdrehens von Fasern zu Garn beziehen oder auf den Geisteszustand. Diese Doppelbedeutung hat mehrere Ursachen.

Etymologisch liegen die Ursprünge des Wortes im Indogermanischen und Althochdeutschen – wie auch die Worte Span, spannen oder Gespinst. Sehr früh bezog sich das Wort nicht nur auf den Vorgang der Garnherstellung, sondern wurde auch auf das Denken übertragen (den Gedanken weiterspinnen). Sozialgeschichtlich war spinnen eine Tätigkeit, die überwiegend von Frauen ausgeübt wurde. Auch Insassen von Gefängnissen oder Armenhäusern wurden oft zum Spinnen herangezogen. Der Bedeutungswandel des Wortes spinnen ist also auch mit der Abwertung von Menschen auf Grund ihres Geschlechts oder sozialen Status‘ verknüpft. Die dritte Erklärung für den Bedeutungswandel ist, dass das Spinnen früher oft in Gemeinschaft stattfand. In den sogenannten Spinnstuben wurde nicht nur Garn gesponnen, sondern sie waren auch ein Ort der sozialen Begegnung und des Austauschs. Da wird sicher auch einiges zusammenphantasiert worden sein, es wurde also in der anderen Bedeutung des Wortes gesponnen.

Habt Ihr einmal bemerkt, in wie vielen Märchen es ums Spinnen geht? Neben den bekannten Märchen Dornröschen („an der Spindel stechen und sterben“), Rumpelstilzchen („Stroh zu Gold spinnen“) und Frau Holle (die Spindel der fleißigen Tochter fiel in den Brunnen) gibt es bei den Brüdern Grimm Die drei Spinnerinnen; Die faule Spinnerin; Die Schlickerlinge; Spindel, Weberschiffchen und Nadel; Die sechs Schwäne und Die Nixe im Teich. Hier wird die Bedeutung dieser Tätigkeit für die vorindustrielle Gesellschaft deutlich. Mich hat jedoch überrascht, dass das „Spinnen können“ im Märchen nicht nur positiv wegkommt. Es gibt Märchen, in den das Spinnen honoriert wird. Bei Frau Holle wird die fleißige Tochter mit Gold überschüttet. Bei den sechs Schwänen gelingt es der Schwester, durch das Spinnen ihre Brüder zu retten. In anderen Märchen wie dem Rumpelstilzchen oder den drei Spinnerinnen lassen die „Heldinnen“ andere für sich spinnen, geben das gegenüber der Schwiegerfamilie oder dem künftigen Ehemann als eigene Leistung aus und werden mit Heirat „belohnt“, wohingegen die, die die eigentliche Leistung vollbracht haben, um ihren Lohn betrogen Suizid begehen oder mit Hässlichkeit gestraft sind.

In der nordischen Mythologie gibt es die drei Nornen. Diese Schicksalsgöttinnen verkörpern die Abschnitte im Leben einer Frau – Jungfrau, Mutter, alte weise Frau. Sie spinnen, weben und schneide den Schicksalsfaden. Hier wird das gesamte menschliche Leben mit einem gesponnenen Garn gleichgesetzt. Auch das zeugt wieder vom hohen Stellenwert dieser Tätigkeit.

Ich hingegen freue mich einfach, dass ich etwas Neues lernen darf! Vom Rumpelstilzchen werde ich mich ganz sicher nicht abhalten lassen, sondern gerne weiterspinnen, solange es mir Spaß macht.

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